Montag, 18. Oktober 2010

Rituale



Der Winter naht. Die Zeichen sind ganz deutlich. Die Blätter, so wunderschön bunt, werden weniger. Bald sind die Bäume kahl. Das geht schneller als man denkt.

Die Meisen suchen auf unserem Balkon schon nach Futter.

Ich überlege morgens, ob der Bub schon eine Strumpfhose braucht. Warme Hauben und Handschuhe sind seit letzter Woche in Verwendung. Auf eigenen Wunsch.



Unsere Aktivitäten verlagern sich mehr und mehr in die Wohnung.
Moritz bastelt wieder gerne. Gerade richtig. Es werden fast täglich Gesellschaftsspiele gespielt. Und Bücher gelesen. Sowieso immer eine Lieblingsbeschäftigung.

Es beginnt nun auch die Zeit der Rituale. Der Bräuche. Das finde ich besonders schön.

Seit Moritz gehen kann besuchen wir regelmäßig den Friedhof. Besonders gerne an sonnigen Herbsttagen, an denen die Farben einfach anders sind, als sonst.





Er mag Friedhöfe und fragt oft danach.

Grund dafür ist vermutlich der wunderschöne Jüdische Teil des Zentralfriedhofs. Verwildert und abenteuerlich. Wild romantisch und aufregend.
Mit ein bisschen Glück trifft man dort sogar auf Rehe.





Ich habe schon vor Mauzies Geburt, um Allerheiligen rum, Kerzen auf "verlassene" Gräber gestellt. Gräber, um die sich niemand mehr kümmert bzw. kümmern kann.
Manchmal alleine, manchmal mit Freunden.



Dabei schlenderte ich die Wege entlang, genoss die Stille, las die Inschriften bis ich vor einem Grab stand, zu dem mich mein Gefühl geführt hat. Einfach so.

Seit 3 Jahren übernimmt Moritz nun diese Aufgabe.

2008 auf dem jüdischen Friedhof des Zentralfriedhofs ...




AllerheiligenDawanda 076


AllerheiligenDawanda 058

2009 wieder auf dem Zentralfriedhof

Familiengrab

Mini Regenbogen ...



Heuer auf dem Friedhof St. Marx.
Gleich bei uns ums Eck. Und ich finde das schön.





Die Wahl fiel dieses Mal auf einen Ritter ...



... Moritz ist fest davon überzeugt, dass er im Kampf gegen einen Drachen gefallen sei : )



... und, wir hatten dieses Mal 2 Kerzen dabei, auf die jüngste Tochter und geliebte Schwester, die schon mit 27 Jahren tragisch aus dem Leben schied ...







Wir versuchen mit Moritz recht offen über den Tod zu sprechen. Schon von anfang an.
Er sieht das recht nüchtern. Noch. Selbst bei Tieren, wenn ein Stärkeres das Schwächere frisst (das zeigen wir ihm natürlich nicht) ... "das ist halt so Mama, weißt du?"
Wie er mit dem Tod eines Menschen umgehen wird?
Die Urli (Uroma) ist 85. Er liebt sie heiß.
Als ich in Moritz Alter war starben meine Großeltern kurz hintereinander. Für mich war das damals, soweit ich mich erinnern kann, interessant, aber abstrakt und nicht traumatisch. Ich hatte aber auch keine so enge Verbindung zu ihnen wie Moritz jetzt.
Mein Großvater hatte einen offenen Sarg. Daran kann ich mich noch erinnern. Und daran, dass er aussah, wie geschnitzt. Ganz unecht. Und, dass alle um mich herum geweint haben. DAS fand ich traurig. Mehr nicht.





Herbst und Friedhof passen eigentlich gut zusammen. Hier trifft sich die Vergänglichkeit einmal im Jahr.





Und Mozart. Nicht zu vergessen.





Der trifft hier fast täglich auf die ganze Welt.





...






Kommentare:

  1. ich bin auch so eine friedhofgängerin (und das kind hier geht auch von klein auf mit) und war letztens das erste mal mit einer freundin auf dem zentralfriedhof "spazieren". und abgesehen davon, dass der unvorstellbar riesig ist (wir sind stunden gegangen), fand ich den alten jüdischen friedhof sehr beeindruckend. eigentlich wollte ich das ja auch noch bloggen... nette idee, kerzen mitzunehmen, das mache ich das nächste mal auch! wir wollen nämlich vor dem winter auch noch zum st. marx friedhof ;)

    allerheiligen lieben das kind und ich übrigens beide sehr, das kind wohl eher wegen dem kerzen zündeln, ich wegen dieser besonderen stimmung.

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  2. friedhöfe zu besuchen find ich auch ganz toll, vorallem den wiener zentralfriedhof. war bei beiden besuchen natürlich auch dort: beim ersten mal speziell (eigtl nur) wgn falco`s grab und beim zweiten besuch sind wir durch den jüdischen teil und haben auch mäuse und hasen angetroffen - toll! vorallem die grabsteine dort und dass einige gräber offen sind und man runtersehen kann, uvm. gern würd ich auch im herbst nochmal hinschauen! <3

    liebe grüße,
    sarah.

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  3. Hallo Kat!
    Wie immer traumhafte Bilder und sehr schöne Worte.
    Ich finde auch, das man mit Kinder ganz normal über das Thema sterben reden kann und auch sollte. Sonst sind sie total vor den Kopf gestoßen, sollte mal was passieren.
    GLG claudia

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  4. was für tolle bilder. solch schön angelegte friedhöfe haben wir leider nicht in unserem kreis. besonders gut gefällt mir der lange weg, mit den bäumen am rand!
    unser kindergartengrundstück grenzt direkt an einen friedhof und die kinder erleben so auch manche beerdigung aus der ferne bzw. mit bester aussicht vom kletterbaum. für sie gehört es zum leben dazu...

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  5. Ich finde es toll, dass ihr mit Moritz so offen über das Thema Tod sprecht. Ein Thema, das ja oft aus unserem Alltag verbannt wird. Aber doch auch irgendwo zum Leben dazugehört.

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  6. was für ein wundervoller post. von vorn bis hinten toll. danke.

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  7. Schön, dass ihr Kerzen auf vergessenen Gräbern aufstellt. Ich stelle mir vor, dass jemand im Himmel sich freut, wenn ihr das tut.

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